20 Mai 2017
14:15 - 15:15
Großer Saal

Normales Hundeverhalten versus Verhaltensstörungen

In Abhängigkeit von der Kommunikation und dem Beziehungsverhalten zwischen Hund und Mensch und dessen Qualität

Wenn eines Haushunde zu charakterisieren vermag, so ist das – neben der hundlichen Bezogenheit zum Menschen –  wohl ihre Variabilität, Ergebnis einer „künstlichen Selektion, die die Anpassungsfähigkeit an das Zusammenleben mit dem Menschen kennzeichnet, der Überlebens- und Fortpflanzungskriterien bestimmt“ (Herre & Röhrs, 2013). Diese Variabilität gilt für anatomisch-morphologische Merkmale (Körperform, Größe, Färbung u.a.) wie für Verhaltensmerkmale und ist a priori kein Ausdruck höherer individueller biologischer Fitness – der Fortpflanzungserfolg von Hunden erfolgt eindeutig über den „Vektor Mensch“.

Rassetypische Verhaltensbesonderheiten treten als Variationen von Hypertrophie, Hypotrophie und Atrophie bezüglich der Elemente ursprünglich wölfischer Handlungsketten auf und diese wurden „enger“ und „extremer“ unter Spezialisten als unter Haushunden allgemein. Dieses gilt etwa für die Sequenz des Beutefangverhaltens (Jagdverhaltens) bestimmter Rassehunde. Zudem werden etliche spezialisierte Hunderassen überwiegend als Begleithunde gehalten und ihre Emotion und Motivation bezüglich vorhandener Hypertrophien werden nicht beachtet oder falsch „bedient“, hingegen erzeugt die Bewältigung dieser Verhaltensbesonderheiten immer wieder Stress und führt letztendlich in etlichen Fällen zur Störung.

Beispielhaft sollen Untersuchungen zur frühen Ontogenese von Jagdhunden und Hütehunden im familiären Kontext vorgestellt werden.

Der Mittler ist nach unseren Untersuchungen jeweils der Mensch, zu dem eine Bindung etabliert wurde. Menschen, die als sichere Basis für ihren Hund fungieren, können Verhaltensstörungen verhindern, indem Bewältigungsstrategien der jeweiligen Hunde schlicht erfolgreicher sind.

Umweltanpassungen gelingen also am ehesten durch den Menschen, der zentrales Element in der Entwicklung des Hundes ist. Bedingungen für eine beidseitig hohe Beziehungsqualität werden aufgeführt.

Der Mensch gestaltet nicht nur ganz wesentlich die Umwelt des Hundes, sondern wirkt durch sein Handeln als „Sozialpartner Nummer 1“ auch direkt auf dessen „Gefühlsgerüst“ ein.

Jedem Hund geht es gut, wenn er sich veränderten Lebensbedingungen anpassen kann, sein Wohlbefinden hängt von der jeweiligen Lebensbewertung und -bewältigung ab (jeweils situativ) und dieses in individuell unterschiedlicher Art und Weise.

Wie wir wissen, existieren weder Menschen noch Hunde autonom, unabhängig voneinander und von anderen, sondern sind immer eingebunden in ein Geflecht von Beziehungen, Abhängigkeiten und Bedingungen. Und auf dieses kommt es an. Hohe Beziehungsqualitäten wirken ganz offensichtlich adaptiv und können zuchtbedingte Anpassungsprobleme ausgleichen.

 

 

Literatur:

Herre, W. , Röhrs, M. (2013): Haustiere – zoologisch gesehen. 2. Auflge. Springer Spektrum.