21 Mai 2017
12:00 - 13:00
Großer Saal

24 Jahre Verhaltenseinsichten in die Verhaltensökologie von Grauwölfen (Canis lupus)

Einige ethologische Überlegungen über was wir wissen und was wir nicht wissen

 

Abstrakt: Langzeitliche Freilandforschung an Wölfen sind wichtig für unser Basisverständnis über deren Verhaltensökologie. Aber was ist „typisch“ für wild lebende Wölfe? Was ist „normales“ Wolfsverhalten? Dem Beutegreifer-Biologen Dr. Mike Gibeau zufolge, ist Ethologie die Studie über Tierverhalten und der Grundstein für unser Verständnis, warum Tiere das tun was sie tun. Über die letzten Dekaden hinweg haben uns GPS-Halsbänder, High-tech Methoden des „Besenderns und Begleitens“ und auch Überwachungsprojekte mittels Fotofallen-Kameras sicherlich einige gesamtökologische Einsichten beschert. Nichtsdestotrotz erhält man die wichtigen und intimen Details, welche schliesslich die Essenz von „traditionellen und kulturellen“ Verhaltenseinschätzungen darstellen, am allerbesten durch direkte Beobachtungen. Welche purere Form von Etholgie existiert als die, sich selbst über einen langen Zeitraum hinweg als Beobachter inmitten der Umwelt der jeweiligen Studienobjekte zu platzieren?

Um geheimgebliebene Details zum komplexen Sozialleben und über die Persönlichkeit von Timberwölfen zu dokumentieren, haben wir zwischen 1992 und 2015 direkte Verhaltensbeobachtungen durchgeführt. Dieses hauptsächlich im Bowtal von Banff National Park/Kanada. Für alle, die mehr wissen wollen über das, wie Wolfsfamilien wirklich leben und Mitglieder interagieren (oder mit anderen Wildtierspezies), haben wir deren Verhaltensmuster über lange Jahre hinweg dokumentiert. Über einen Zeitraum von 24 Jahren wurden täglich 10-14 Stunden Feldnotizen zusammengetragen, sieben Tage die Woche. Zusätzlich wurden sämtliche Begegnungen mit diesen oft geheimnisvollen Kreaturen, die ein 1.100 Qkm grosses und von Menschen dominiertes Territorium besetzten, videografiert mittels diverser Camcorder (n = 9877).

Wölfe in freier Wildbahn zu observieren war sowohl faszinierend als auch lehrreich. Eine wichtige Botschaft, die wir gelernt haben, war, stets das Unerwartete erwarten zu können. Alle unsere Beobachtungen begannen immer auf die gleiche Art und Weise, indem wir dieselben fünf Basisfragen stellten: Wer (ist der Wolf)? Was (macht er)? Wann (macht es das)? Wo (macht er das)? Warum (macht er das)? Für uns Verhaltensbeobachter ist und wird das komplexe „warum“ stets die am schwierigsten zu beantwortende Frage sein. Das eigentlich Problem damit war, das wir all zu oft erstaunt waren über das Gesehene:

  • „Wolfsrudel“: Die soziale Organisation passte nicht zu der konventionellen Sichtweise einer strikt geschlechtlichen Hierarchie. Der höchste Sozialstatus machte sich nicht nur am (männlichen) Geschlecht fest, da Wolfsfähen als „leader of the pack“ fungierten und sehr oft als primäre Entscheidungsträgerinnen von Familiengruppen agierten. Aber nicht nur das: verletzte und gehandicapte Wolfsindividuen wurden selten alleine gelassen. Stattdessen wurden sie durch andere Familienmitglieder umsorgt, erhielten soziale Unterstützung und alle möglichen Futtergaben.
  • „Gegenseitige Toleranz“: In unserem Studiengebiet gab es regelmässig verschiedene bemerkenswerte Beispiele für gegenseitige Toleranz und Interaktionen diverser Spezies: Wölfe und Bären wurden beim gemeinsamen Fressen an Beutetierkadavern beobachtet, und manchmal ruhten sich die Tiere sogar in einer Distanz von nur 100 Meter zueinander aus. Einmal sahen wir einen jungen Grizzly und einen adulten Wolf über mehrere Stunden zusammen mit einem T-Shirt interagieren. Mitunter verhielten sich Wölfe auch sehr tolerant gegenüber Kojoten: bestimmte Individuen heulten zusammen und jugendliche Wölfe teilten sich Nahrungsquellen mit adulten Kojoten. Ein Wolfsjährling und ein adulter Fuchs, beides Weibchen, sahen wir in einer Lichtung beim Mäuse-Jagen nur 50 Meter voneinander. Wölfe, Raben und Elstern haben wir an Beuterissen dokumentiert, wenn sie Seite an Seite zusammen frassen. Raben und Elstern mobbten und bepickten ruhende Wölfe.
  • “Symbiotische Beziehungen”: Einige Wolfs- und Rabenfamilien schienen permanent gemischte Sozialgruppen zu bilden, die auf informarmativen Bindungen fussten. Die Partnerschaften von Wolf und Rabe konnten am besten beschrieben werden als „authentische Symbiosen“, weil beide Spezies langzeitlich voneinander profitierten. Vielleicht waren in den alten Tagen der profitablen Kooperation mit Wölfen Raben nur gänzlich egoistisch, in dem sie grosse Mengen an Biomasse an Beuterissen effektiv konsumieren konnten. Auf der anderen Seitev haben Wölfe gelernt, die speziellen Alarmrufe von Raben zu dekodieren. Fakt ist, dass wir Raben beobachtet haben, die Wölfe vorwarnten, wenn sich Bären, Pumas oder Menschen näherten.
  • „Anekdotische Observationen“: Jeden Tag draussen unterwegs zu sein und unsere Studienobjekte in einem respektvollen Abstand zu beobachten, bot jede Menge Überraschendes. Einige Wolfsindividuen fingen eine Maus, aber anstatt diese zu töten, trugen sie diese zu einer Strasse, liessen sie bewusst wieder laufen, um anschliessend um sie herumzutanzen – von einer Pfote auf die andere, vorwärts, rückwärts, seitlich – und alles ohne die Maus zu fangen. Eine Wölfin verliess während Revierstreifzügen mit ihrer Familie regelmässig die Wanderformation, um Plastikflaschen oder irgendwelche Dosen aufzugreifen und diese über Kilometer hinweg herumzutragen (auch noch nach Beendigung der juvenilen Entwicklungsphase). Einmal sahen wir diverse Mitglieder einer Wolfsfamilie, die eine Unterhose aufgriffen und sich darin wälzten und die Boxer-Shorts in die Luft schleuderten.

Eine Erklärung für die meist unbeantworteten Fragen, warum Wölfe und andere Säugetiere und Vögel das taten was sie taten, ist diese:

Alles was wir wirklich wissen ist, dass schlau ausgewählte Verhaltensanpassungen allen beteiligten Tieren einige willkommene Optionen präsentieren. Unter Freilandbedingungen ist das Zeitfenster für (gut durchdachte) Arrangements niemals geschlossen. Stattdessen, öffnet sich dieses Fenster jeden Tag ein wenig mehr. Aber das ist es auch schon. Fakt ist, dass wir nicht viel mehr wissen als wir meinen zu wissen.