19 Mai 2017
15:00 - 16:00
Großer Saal

Wie aus Wölfen Hunde, und aus steinzeitlichen Jägern moderne Menschen wurden

Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien und Konrad Lorenz Forschungsstelle http://klf.univie.ac.at, www.wolfscience.at, http://mensch-tier-beziehung.univie.ac.at

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass sich Wolfs- und Hundegenome bereits vor etwa 35 000 Jahren trennten, wahrscheinlich mehrmals an verschiedenen Orten zwischen Europa und E-Asien.  Seitdem gibt es keine Menschen ohne Hunde, bis heute sind sie Begleiter und Assistenten in der Entwicklung aller unserer Kulturen.  Aber warum wurden ausgerechnet aus den Wölfen die wichtigsten Tiergefährten der Menschen? Es trafen wohl die Spiritualität der animistischen Jäger-und-Sammler mit starken Ähnlichkeiten in Lebensweise, Ökologie und Sozialleben zwischen Menschen und Wölfen zusammen. Im Verlauf der Hundwerdung passten sich die Wölfe/Hunde immer besser an uns an; vielleicht auch wir an sie, aber das kann man nicht wissen. Vor etwa 15 000 Jahren entstanden durch Selektion auf Zahmheit, und im Zuge der Mensch-Hund-Kooperation beim Jagen, Krieg führen und Verteidigen der Herden unterschiedliche Hundetypen. Bis heute entwickelt jede Gesellschaft jene Hunde, die sie braucht/verdient.

Dies bedeutet, dass die Unterschiede zwischen Wölfen und Hunden die menschengemachten Selektionsbedingungen widerspiegeln. Wie sich aber Wölfe und Hunde unterscheiden, ist selbst unter Wissenschaftlern immer noch von Mythen und falschen Wolfsbildern belastet. So widersprechen die neuesten Ergebnisse des Wolfsforschungszentrums (WSC; www.wolfscience.at) den alten Klischees vom“ aggressiven Wolf“ und dem „netten Hund“.  Am WSC sind die gleichartig aufgezogenen und gehaltenen 17 Timberwölfe und 17 Mischlingshunde nicht einfach „Versuchstiere“, sie sind Partner auf Augenhöhe. Die wissenschaftliche Arbeit erfolgt auf Basis von Freiwilligkeit, ohne Einwirkung von Zwang oder Dominanz, strikt auf der Basis des Prinzips positive Führung und Zusammenarbeit. Wir lernen von unseren Partnerwölfen und –Hunden, und sie von uns. „Back tot he roots“ eigentlich, denn wahrscheinlich gingen Wölfe und Menschen miteinander 40 000 Jahren, zu Beginn ihrer Partnerschaft ziemlich ganz ähnlich miteinander um. Wahrscheinlich war die Partnerschaft mit Wölfen eine der Schlüsselinnovationen am Weg zum modernen Menschen.

Ziel der Arbeit am WSC ist es,  über experimentelle Ansätze grundlegende Einsichten in die geistigen Leistungen und die Kooperationsfähigkeit von gleichartig aufgezogenen und gehaltenen Hunden und Wölfen zu gewinnen. Zudem sind Wölfe und Hunde hervorragende „Modelle“, auch um die evolutionäre Basis der menschlichen Kooperationsfähigkeit besser zu verstehen.  Unsere Ergebnisse zeigen, dass Hunde im Vergleich zu Wölfen untereinander weniger tolerant und kooperationsfähig sind, weniger gut voneinander lernen, in steileren Dominanzhierarchien leben, aber besser fähig und eher bereit sind, sich unterzuordnen und sich auf bestimmte Aufgaben zu konzentrieren. Die Kooperationsbereitschaft der Hunde mit Menschen ist direktes Wolfserbe, wurde aber im Verlauf der Hundwerdung an spezifisch an uns angepasst; sie unterscheidet sich daher im mancher Hinsicht relativ stark von der Kooperation zwischen Wölfen.

KOTRSCHAL, K (2016). Hund-Mensch. Das Geheimnis der Seelenverwandtschaft. Wien: Brandstätter